Natur und heilen

02.05.2002

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 GANZHEITLICHES MANAGEMENT

Mehr Erfolg im Beruf mit der systemischen Aufstellung


Die systemische Aufstellung wird seit 20 Jahren erfolgreich im Familienkontext angewendet. In letzter Zeit wird sie sogar in der Wirtschaft und im Berufsleben eingesetzt. In erstaunlich kurzer Zeit ermöglicht sie einen maximalen Erkenntnisgewinn, denn sie zeigt, woran ein Betrieb bzw. ein System krankt oder was gebraucht wird, um erfolgreicher zu sein. Auf sehr moderne Weise geht Kristine Erb das Thema unter dem Begriff "Organisationsaufstellungen" an und macht neben Familienaufstellungen vor allem betriebliche Arbeitsaufstellungen. Gerade Firmen entdecken diese Methode, denn eine halb- oder einstündige Sitzung mit einem Teamchef beispielsweise kann die Durchführung eines tagelangen Teamentwicklungsseminars mit allen beteiligten Angestellten ersparen
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In Unternehmen wird in letzter Zeit gehäuft nach Aufstellungen gefragt. Von Mitarbeitern in Betrieben bis zu Personal- oder Führungskräfteentwicklern haben viele Personen Familienaufstellungen kennengelernt und davon gehört, daß sich diese Methode auch für berufliche Themen einsetzen läßt. Die Einführung der Methode in das jeweilige Unternehmen oder die jeweilige Organisation hängt allerdings nicht zuletzt davon ab, ob der Mut vorhanden ist, Neues auszuprobieren.

Prinzipiell: Um Veränderungen in Unternehmen erfolgreich einzuleiten und zu etablieren, ist eine systemische Betrachtungsweise unabdingbar. Jedes Mitglied eines Systems hat einen bestimmten Handlungsspielraum, der wiederum von anderen Systemelementen bestimmt wird. Das bedeutet in der Praxis, daß es für jede Entscheidung wichtig ist, den Gesamtkontext zu berücksichtigen.  

Für welche Fragestellungen sind Aufstellungen geeignet?  

Mit Hilfe systemischer Aufstellungen lassen sich für vielfältige Fragestellungen in sehr kurzer Zeit maximale Erkenntnisfortschritte erzielen und konkrete Handlungsalternativen aufzeigen. Führungskräfte sparen Zeit im Vergleich zu alternativen Methoden. Gibt es in einer Firma einen Teamkonflikt, wird in Unternehmen traditionell ein Teamentwicklungsseminar vorgeschlagen, was bedeutet, daß das ganze Team für drei Tage vom normalen Arbeitsablauf freizustellen ist. Arbeitet man mit Aufstellungen, erspart eine Aufstellung mit dem Teamchef die Durchführung eines ganzen Teamentwicklungsseminars mit allen Beteiligten. Es ermöglicht auch, daß z. B. ein Abteilungsleiter einen Führungskonflikt nicht unbedingt mit seinen engsten Mitarbeitern zu lösen versucht, sondern das Thema mit unbeteiligten Stellvertretern bearbeitet. Aufstellungen sind sowohl in der Einzelarbeit als auch in der Gruppenarbeit effektiv einsetzbar. Sie können für Fragestellungen jeder Abteilung eines Unternehmens - von der Geschäftsleitung, von Unternehmensinhabern, Vorständen oder Mitarbeitern einer Firma oder Behörden - eingesetzt werden und für eine Vielfalt von Fragestellungen, die sich auf den Beziehungsbereich beziehen, eine Lösung anbieten. Typische Themenbereiche sind beispielsweise Konfliktlösungen am Arbeitsplatz, Führungsverhalten, Verhandlungsvorbereitungen, Kundenkontakt, Umstrukturierungen, Erreichen von Zielen, Übertragungen von Verhaltensmustern aus der Familie ins Arbeitsumfeld, sicheres Treffen von Entscheidungen und Visionsarbeit.

Darüber hinaus eignen sich Aufstellungen für vielfältige Themenkomplexe wie:

•    den eigenen Platz finden und im System einnehmen;
•    Auflösung systemischer Verstrickungen;
•    Erkennen von Störungen im System;
•    Beziehungsverhältnisse im System klären;
•    Alternativen prüfen - richtig entscheiden;
•    Verhandlungen vorbereiten;
•    Ziele setzen - Ziele erreichen;
•    Schärfung systemischer Wahrnehmung;
•    Betriebsklima;
•    Führungsstil;
•    Stellen optimal besetzen;
•    Kunden-Management optimieren;
•    Die Nachfolge meistern; familiäre und wirtschaftliche Interessen;
•    Firmengründung mit Erfolg;
•    Konfliktmanagement;
•    Umgang mit Chaos;
•    Innovationen entdecken und einführen;
•    Unternehmensfusionen;
•    Umstrukturierungen: Neue Strukturen schaffen und etablieren;
•    Beruf - Privat.

Aber nicht immer stehen Beziehungsprobleme in der Arbeit im Mittelpunkt: Marketing-Fachleute testen beispielsweise über Aufstellungen die Akzeptanz für neue Produkte, bevor diese auf den Markt kommen.

Wie funktionieren systemische Aufstellungen?  

Mit Hilfe von Stellvertretern - am besten neutrale Personen - , werden Beziehungsstrukturen im Raum aufgestellt. D. h., der Klient sucht sowohl für sich als auch für alle anderen Beteiligten Stellvertreter aus, die mit dem Thema nichts zu tun haben, also nicht beteiligt sind. Der Klient führt dann die Repräsentanten durch den Raum, bis er den momentanen stimmigen Platz im Raum findet. Die Stellvertreter haben dabei die Aufgabe, sich führen zu lassen und darauf zu achten, wie es ihnen beim Geführtwerden ergeht. Das Erstaunliche ist, daß die Stellvertreter wie die Personen fühlen, die sie vertreten. Sie nehmen Körperhaltungen ein, äußern Gefühle, Körperempfindungen, Gedanken bis hin zu den Gesten der vertretenen Person. Manchmal braucht es etwas Zeit, um die adäquaten Stellungen für alle Beteiligten des aufgestellten Systems zu finden. Aber eins ist sicher: Die umgestellten Personen fühlen sich sofort besser an ihrem adäquaten Platz.

Das erste Bild spiegelt den Status quo, d. h. die gegenwärtige Situation. Dieses Bild bringt bereits viel Erkenntnis, weil man besser versteht, was wirklich los ist. Das Ziel ist aber nicht, sich bei den Ursachen für die Situation aufzuhalten, sondern über verschiedene Schritte ein Lösungsbild zu entwickeln. Durch verbale Interaktionen (die aufgestellten Personen sagen sich gegenseitig Sätze, die das benennen, worum es wirklich geht) und räumliches Umstellen (man positioniert die Personen an einem anderen Platz im Raum) werden dann Veränderungsprozesse eingeleitet.

Später stellt das erarbeitete Lösungsbild eine erstaunliche Kraftquelle dar und ermöglicht aus bisherigen Verhaltensmustern herauszutreten. Neues wird möglich. "Nach der Aufstellungsarbeit bekam ich einen Auftrag angeboten, den ich mich vorher nie getraut hätte anzunehmen. Danach war es möglich, und ich habe ihn sehr erfolgreich durchgeführt.", so das Feedback einer Existenzgründerin nach einer Arbeit zum Thema beruflicher Erfolg. In der Einzelarbeit definiert der Klient die einzelnen Positionen im Raum nach seinem Empfinden z. B. mit Figuren, Kissen oder auf den Boden ausgelegten Blättern, worauf z. B. "Chef", "Kunde" oder "Sekretärin" steht. Der Klient selbst oder der Therapeut spüren sich in die einzelnen Positionen hinein. Dieses Vorgehen funktioniert erstaunlich gut. Ähnlich wie bei der Arbeit mit Stellvertretern werden auch hier Lösungsbilder und -prozesse erarbeitet.  

Was ist bei Organisationsaufstellungen im beruflichen Kontext zu Beginn abzuklären?  

Der entscheidende Unterschied zwischen einer Organisationsaufstellung und einer Familienaufstellung ist: Ein Familiensystem kann man nicht verlassen, man gehört dauerhaft dazu. Für ein Organisationssystem entscheidet man sich und hat die Wahl, es zu verlassen. Wichtig vor Beginn einer Aufstellung im beruflichen Kontext ist, den Auftrag mit dem Klienten genau abzuklären: Möchte er auf rein beruflicher Ebene arbeiten oder dürfen auch auftauchende persönliche Dinge, die z. B. aus seinem persönlichen Umfeld bzw. seiner Familie auf sein Arbeitsumfeld einwirken, bearbeitet werden? Gerade Aufstellungsneulinge sind oft nicht darauf vorbereitet, daß sehr persönliche Themen auftauchen können. Ein sehr interessantes Phänomen, das sich oft bei Aufstellungen beobachten läßt, ist, daß häufig Mitarbeiter den Platz in einem Unternehmen suchen oder finden, der ihnen vom Familiensystem her vertraut ist. Hat jemand z. B. im Familiensystem eine Außenrolle, nimmt er diesen Platz oft auch im Arbeitssystem ein. Umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit beiden Systemen und Kenntnisse des Aufstellungsleiters über Wandlungsprozesse sind hierfür erforderlich. Ein Beispiel: Einem Akademiker fiel es schwer, eine ausbildungsadäquate Stelle zu finden und zu halten. Jedes Mal, bevor er den Erfolg seiner Arbeit ernten konnte, gab es einen Grund zu gehen. Was hinderte ihn an seinem beruflichen Erfolg? In einer durchgeführten Aufstellung zeigte sich, daß er sich sehr verbunden mit seinem Großvater fühlte, dem es aufgrund mangelnder Ausbildung nie gelungen war, über ein Minimum hinaus seine Familie zu ernähren. Dadurch, daß ihm der Vorgang bewußt wurde und er seinen Großvater zukünftig "auf andere Weise würdigen konnte", gelang es ihm beruflich, erfolgreicher zu handeln. Solch unbewußte Loyalitäten zu einem Familienmitglied treten häufig auf und oft bringt schon die Frage nach "wem ist es in der Familie ähnlich gegangen, wer hatte z. B. keinen Erfolg, wer hat immer kurz vor dem Ziel aufgegeben?" erstaunliche Erkenntnisse.

Ein kraftvolles Instrumentarium


Jeder Berater kennt folgende Situationen: Das Klima in einem Unternehmen ist negativ und zieht eine hohe Mitarbeiterfluktuation nach sich - wodurch die Arbeitsqualität auf Dauer extrem leidet. Oder: Ein Chef kränkt seine Mitarbeiter und fordert so unbewußt einen starken Widerstand heraus - ebenfalls sinken das Leistungspotenzial und die Motivation der Mitarbeiter. Systemaufstellungen sind ein sehr kraftvolles Instrumentarium und bringen wertvolle Impulse. Sehr hilfreiche Hinweise für das weitere Vorgehen können so in kurzer Zeit gewonnen werden. Ein weiterer positiver Effekt ist, daß der Klient sich über seinen angemessenen Platz klar wird, von dem aus er gut und kraftvoll agieren kann. Er erkennt die Grenzen seines Handlungsspielraums und kann sich gegebenenfalls neu für oder gegen den Auftrag entscheiden. Oft spielen gegenseitige Achtung und Würdigung eine große Rolle. Werden Rangfolge, Zugehörigkeit, der Ausgleich von Geben und Nehmen beachtet, erhält jeder seinen angemessenen Platz, profitiert das ganze System. Ein Beispiel: Dem neuen Abteilungsleiter, der kurzfristig einen umfangreichen Aufgabenbereich übernommen hat und sehr viel umkrempeln möchte, gelingt es nicht, die Füße auf den Boden zu bekommen. Seine Pläne werden nicht akzeptiert und die Umsetzung geht nur schleppend voran. Eine Aufstellung zeigt, daß er seinen Vorgänger sehr stark ablehnt und alles ganz anders machen möchte. Ein Lösungsansatz ist für ihn zu würdigen, was sein Vorgänger geschaffen hat, und ihn, der vor ihm die Position inne hatte, zu akzeptieren. Aus dieser Haltung heraus gelingt es ihm, seine Konzepte einzuführen und seinen Platz im Unternehmen einzunehmen.  

Der falsche Platz macht unglücklich  

Ein Vorstandsmitglied eines frisch an die Börse gegangenen Unternehmens kam zum Aufstellen kurz vor einer wichtigen Vorstandssitzung. Das Unternehmen drohte auf Grund starker Konflikte in einer arbeitslähmenden Atmosphäre unter den Vorständen zusammenzubrechen. Er fragte sich, wie er die nächste Vorstandsbesprechung leiten könnte, ohne daß es zum Eklat kommen würde. Jedes Vorstandsmitglied hatte durch den Börsengang, der auf Grund einer pfiffigen Idee eines engagierten Finanzexperten, der zwischenzeitlich auch Vorstandsmitglied geworden war, mehrere Millionen Mark verdient. Die Aufstellung zeigte, daß der besondere Einsatz, den das später hinzugekommene Vorstandsmitglied geleistet hatte, nicht gewürdigt worden war. Das schlechte Gewissen der Nutznießer der Idee führte so weit, daß einer seinen Anteil noch nicht angerührt und ein anderer alles nach kurzer Zeit schon wieder ausgegeben hatte. Beide waren nicht in der Lage, ihren Beitrag zum Fortbestand des Unternehmens zu leisten. Nach einiger Prozeßarbeit waren beide jedoch so weit, den besonderen Einsatz des Kollegen zu würdigen und sich dafür zu bedanken. Dies ermöglichte ihnen ihren Platz im Team wieder einzunehmen und ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Der Klient berichtete vier Wochen später, daß die Vorstandssitzung erstaunlich glatt verlief und konstruktive Ansätze erarbeitet worden sind. Sowohl in der Einzelarbeit als auch in Gruppen vermittelt die systemische Organisationsaufstellung auf achtsame Weise und in kurzer Zeit vielfältige Erkenntnisse und offeriert Änderungsmöglichkeiten. Auf sehr lebendige Art wird ein Zugang zu neuen Dimensionen von Zusammenhängen geschaffen und zu dem, was Systeme verbindet und zusammenhält, ermöglicht.  

Kristine Erb  

Über die Autorin

Kristine Erb ist Leiterin des "Instituts für Systemaufstellungen & Praxis für systemisches Coaching & Prozeßbegleitung" in München.Sie ist spezialisiert auf Aufstellungsarbeit im beruflichen Kontext und bietet Fortbildungen in Aufstellungsarbeit an.

Sie hat ein sehr interessantes Buch "Die Ordnungen des Erfolgs", in dem sie ihre Methode ausführlich vorstellt, im Kösel Verlag veröffentlicht.  Info: Systeme in Aktion, Institut für Systemaufstellungen& Praxis für systemisches Coaching & Prozeßbegleitung,Am Seefeld 7, 83257 Gstadt/Gollenshausen,Tel: 0 80 54 - 90 20 23,Fax: 0 80 54 - 90 20 24

Internet: www.systeme-in-aktion.de,eMail: alex@systeme-in-aktion.de Literatur:  Kristine Erb: Die Ordnungen des Erfolgs. Kösel Verlag, München
•    Franz Rupert:Berufliche Beziehungswelten. Das Aufstellen von Arbeitsbeziehungen in Theorie und Praxis. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg.Einige Grundregeln aus der Sicht systemischer Organisationsberatung(nach Gunthard Weber)  

•    Wer länger da ist, hat VorrangFür Stelleninhaber, die neu in eine Firma kommen, gilt: Wer länger da war, hat Vorrang. Dies muß von den Dazugekommenen anerkannt werden. Besonders einzubeziehen sind dabei Gründer und Initiatoren von Organisationen.

•    Leitung hat VorrangEine Organisation hat das Bedürfnis nach Führung. Mythen wie "wir sind alle gleich" fördern Unsicherheit.

•    Jeder hat das gleiche Recht auf ZugehörigkeitIn einem Unternehmen hat jeder das gleiche Recht dazuzugehören. Jeder hat die Verpflichtung, gemäß der Position seinen persönlichen Beitrag zur Erhaltung und Erneuerung der Organisation zu leisten.

•    Leistung muß anerkannt werdenBesondere Leistung muß anerkannt werden, damit derjenige bleiben kann.

•    Das Alte und das NeueErst muß das Alte gewürdigt werden, damit das Neue eine Chance hat. Dabei kommt es auf die innere Haltung an.

•    Stärkung oder SchwächungAm richtigen, gemäßen Platz fühlt man sich sicher und gelassen und bei guter Energie. Am angemaßten Platz entstehen Größenphantasien und derjenige steht mit aufgeblasener und geschwollener Brust da. An schwächenden Plätzen ist derjenige selbst nicht gewürdigt, würdigt sich selbst nicht oder es fehlt an Unterstützung.

•    Gehen und bleibenIn einer Organisation bleiben kann jemand, der seine Funktion ausfüllt. Wer eine Organisation nicht mehr braucht, kann etwas verfehlen, wenn er bleibt. Es ist wichtig, daß jemand im guten Einvernehmen und mit gegenseitiger Achtung geht, damit es in der Organisation gut weitergehen und der Betroffene im nächsten System gut ankommen kann

•    Organisationen sind aufgabenorientiertOft beschäftigt sich ein System mit sich selbst, mit Beziehungssystemen, den Zuständen, "den oben". Wichtig ist die Aufgabe, das Ziel oder den Kunden ins Blickfeld zu rücken.

INTERVIEW:NATUR & HEILEN:Frau Erb, Sie haben eine sehr lebendige, praxisorientierte Aufstellungsmethode entwickelt. Wie unterscheidet sich Ihre Methode von der klassischen Familienaufstellung?

Kristine Erb:Die Organisationsaufstellung, wo es um berufliche Systeme geht, hat nicht die extreme Dichte wie das Familienaufstellen. Die Familie ist ja noch viel mehr ein Basissystem, während Arbeitssysteme aufgabenorientiert sind. Aber man muß sehr aufpassen, denn im Arbeitssystem suchen sich die meisten Menschen den Platz aus, der vom Familiensystem her vertraut ist. Manchmal werden auch Berufsmuster von Vorfahren unbewußt nachgelebt. Wenn einem das bewußt wird, kann man sich leichter frei machen und seinen eigenen Weg gehen. Meine Methode der Organisationsaufstellung hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Ich komme selbst aus dem Management, habe 10 Jahre internationales Projektmanagement, auch Katastrophenmanagement im frankophonen Afrika, gemacht. So war mir immer das Praxisorientierte sehr wichtig. Wenn man sich auf unbekanntem Terrain bewegt, wird man gezwungen, Dinge anzupacken und in die Klarheit zu führen; man wird mit extremen Bedingungen vertraut. Mich haben insbesondere die zwischenmenschlichen Aspekte interessiert. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben mich sehr geschult und viel Sicherheit für das intuitive Spüren beim Aufstellen gegeben. Sie haben mir geholfen, auch dieses Vertrauen zu haben, mir bei einer Aufstellung am Anfang kein Bild zu machen, wie das sein sollte/müßte, sondern alles auf mich zukommen zulassen, dem zu trauen, was die Stellvertreter von sich geben, auf die Impulse, die ich wahrnehme, zu warten und sie über Energiefelder zu übersetzen, um eine Lösung zu finden.

NATUR & HEILEN:Was sind die Vorteile Ihrer Aufstellungsmethode?

Kristine Erb:Vor allem werden in ganz kurzer Zeit Lösungswege sichtbar für Entscheidungssituationen oder Konflikte. Es ist gerade auch für intellektuelle, kopfgesteuerte Menschen eine gute Methode. Hier kann man sich nichts vormachen, weil man ja selber nicht redet und handelt, sondern nur dabei ist bei seiner Aufstellung, die gleich im Anfangsbild die momentane Wirklichkeit spiegelt. Es ist, als steige man auf einen Berg und habe erstmals einen richtigen Überblick über alles. Ein Vorteil ist auch, daß es immer funktioniert, daß das, was herauskommt, stimmt.

NATUR & HEILEN:Das Erstaunliche ist, daß die Stellvertreter nichts über die Personen, die sie aufstellen, wissen.

Kristine Erb:Ja, sie kennen sich meist nicht einmal. Die Repräsentanten müssen nicht einmal informiert sein, um was es geht und als welche Person sie nun aufgestellt werden. Es funktioniert dennoch, weil es nicht über die intellektuelle Schiene läuft. Die Repräsentanten spüren sich hier sozusagen voll rein; Gesten, Mimiken und Diktion sind sehr oft exakt so wie bei der wirklichen Person, die sie vertreten. Ich bin als Coach dabei sehr achtsam, das heißt neutral. Ich kann nichts hineininterpretieren, was die sehr feinfühligen Repräsentanten nicht akzeptieren. Die Stellvertreter stellen die echten Personen wie durch eine telepathische Verbindung dar. Es gibt viele Naturwissenschaftler, die solche Phänomene von unbewußten Informationskanälen zwischen Menschen untersucht und beschrieben haben. Zum Beispiel, man denkt an jemanden und er ruft im selben Moment an...

NATUR & HEILEN:Da fällt einem Rupert Sheldrake und seine Theorie der morphischen Felder ein.

Kristine Erb:Ja, in aus Menschen bestehenden Systemen, wie z. B. Unternehmen, Institutionen oder Organisationen, gibt es eine unausgesprochene Ebene, die als das gemeinsame Feld des Unbewußten des Systems bezeichnet werden kann. Systemische Aufstellungen bieten einen sehr lebendigen Zugang zu neuen Zusammenhängen und ermöglichen Einblicke in das, was Systeme verbindet und zusammenhält. Der Drang, über diese Themen mehr zu erfahren, besteht momentan in vielen Wissenschaften, wie z. B. der Physik, Biologie und bei Innovations- und Zukunftsforschern. Wie Sie zurecht erwähnt haben, wird der Zusammenhang morphogenetischer Felder weltweit untersucht. Schlagworte wie "Vernetzung", "systemisches Denken" und "lernende Organisationen" beherrschen die gesellschafts- und organisationspolitische Debatte.

NATUR & HEILEN:Was Ihre Arbeit kennzeichnet, im Vergleich zu der klassischen Familienaufstellung, ist die Leichtigkeit. Was würden Sie sagen, was diese Leichtigkeit ausmacht?

Kristine Erb. Ich denke, das ist ganz stark meine Art, das Spielerische, das Leichte reinzubringen. Das bedeutet aber nicht Oberflächlichkeit, denn ich fürchte mich nicht vor der Tiefe oder der Schwere einer Situation, aber es entspricht mehr meinem Naturell, die Dinge mit Leichtigkeit zu bewegen.

NATUR & HEILEN:Sie beweisen dadurch, daß man auch schwerwiegende Probleme mit Leichtigkeit lösen kann. Bert Hellinger arbeitet da anders. In der klassischen Familienaufstellung kommt man eher durch die Schwere an eine mögliche Lösung.

Kristine Erb:Das Thema der Leichtigkeit spielt auch bei Bert Hellinger eine wichtige Rolle. Er sagt ja: "Die Mitte fühlt sich leicht an". Aber das stimmt, es geht bei ihm mehr um Aufarbeitung. Ich dagegen arbeite aufgabenbezogen und gegenwartsorientiert. Ich beziehe aber auch gerne die Zukunft mit ein und habe die Erfahrung gemacht, daß, wenn ich bei einer Aufstellung ein Problem gelöst habe, das in der Vergangenheit liegt, und die Position "Zukunft" dazu stelle, ich den Beweis bekomme, ob alles wirklich erledigt ist oder ob noch etwas in der Vergangenheit die Lösung blockiert. Mir ist es immer ein wichtiges Anliegen, daß die Klienten schon weiter gehen können, und ich kann durch diese Prüfung sozusagen testen, ob das schon geht oder ob noch Elemente vergessen worden sind. Ich arbeite gerne mit Menschen, die an einem Punkt im Leben angelangt sind, wo sie etwas Neues angehen wollen. Ich unterstütze es gern, weil ich selbst erlebt habe, wie wertvoll Aufstellungen sind, um schneller weiter gehen zu können. Man spart sich sehr viel Zeit. Und bevor man sich im Kreis dreht oder alte Muster wiederholt... Da ist eine Kraft, die einen vorwärts treibt.

NATUR & HEILEN:Sie arbeiten sehr gern mit abstrakten Positionen, stellen z. B. Ziele, Entscheidungen, Vergangenheit, Zukunft, Ressourcen, also Elemente, die nicht so konkret sind wie der Vater, die Mutter oder das Kind.


Kristine Erb:Ich stelle auch Hindernisse auf oder alles, was da als Energie auftaucht. Eine klassische Familienaufstellung ist schon mal wichtig als Basis. Aber je feiner man arbeitet, desto mehr Ebenen gibt es, die man intellektuell gar nicht fassen kann und auch nicht muß, um eine Lösung zu finden. Man braucht also nicht unbedingt, den Weg zu verstehen, der zu der Lösung geführt hat. Die Lösung des Problems erkennt man einfach am Verschwinden des Problems. Eine Klientin, mit der ich bei einer Aufstellung mit abstrakten Spürebenen gearbeitet habe, hat am Schluß nur noch gesagt: "Jetzt ist es gut, wir brauchen nicht mehr zu reden." Sie hatte ihren Blick in die Zukunft, der hier in der südöstlichen Himmelsrichtung war. Da ging es weiter. Vorher war alles blockiert, sie hatte irgendwie ein Brett vor dem Kopf. Ob es jetzt an der Großmutter oder dem Urgroßvater liegt, spielt keine Rolle. Wir haben einfach nur etwas aufgestellt, das sie ausgebremst hat und von dem sie sich nicht verabschieden konnte. Dann gab es einen Dialog mit diesem Teil, wo sie sich mit den Worten: "Ich habe da etwas Verkehrtes gemacht" entschuldigen mußte.Und das Hindernis war plötzlich verschwunden, und von da an konnte sie in die Zukunft gehen. Darum geht es ja. Es gibt auch ein Sprichwort, das besagt: "Man muß nicht den Staub analysieren, um ein Haus zu reinigen." Durch das Aufstellen kommt man in seine Kraft. Es hat auch mit Vision-herbeiführen zu tun. Wenn man einmal diesen idealen Zustand kennengelernt hat, dann fällt es einem leichter, ihn in der Wirklichkeit umzusetzen.

NATUR & HEILEN:Wenn man in sich gespürt hat, wie es sich eigentlich anfühlt.

Kristine Erb:Genau, wenn man einmal den Kick bekommen hat. Das ist, wie wenn jemand plötzlich lernt, wie ein gutes Essen schmecken kann. Dann hat er einen Hauch von Ahnung bekommen. Oder wenn man eine vollreife Kirsche im Vergleich zu einer schlechten gekostet hat, dann erkennt man besser, als wenn man nur die unreifen gegessen hat.


NATUR & HEILEN:Es geht bei Ihnen um Vision, Zukunft. Es ist, als ob es da ein Zugpferd gibt, das alles nach vorne zieht. Man spart sich irrsinnig viele Umwege und Sich-im-Kreise-drehen. Es ist zudem sofort spürbar.

Kristine Erb:Ja, es geht sehr schnell. Manchmal geht es ein bißchen langsamer, aber prinzipiell sind bei mir Aufstellungen, die länger als eine Stunde dauern, eine Ausnahme. Es gibt Therapeuten, die anderthalb Stunden bei jeder Aufstellung machen, ich halte es aber nicht für nötig. Mit der Zeit gewinnt man auch an Schnelligkeit und Klarheit.

NATUR & HEILEN:Frau Erb, wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch.

Anne Devillard