SZ

02.07.2000

Bildung und Beruf

Ursprünglich stammt die Methode aus der Familientherapie – heute wird sie zunehmend auch für Unternehmen angewandt. Bei der Systemischen Aufstellung versucht man, die Struktur einer Organisation abzubilden. Dazu gruppiert man Menschen in statischen Anordnungen – Unbeteiligte, die die fragliche Situation gar nicht kennen. Die umstrittene These der einschlägigen Trainer: Aus den Wahrnehmungen dieser Statisten kann man interessante Rückschlüsse auf Konflikte und Dynamik der Organisation ziehen.

Wer richtig steht, der versteht 
Die Technik der Systemischen Aufstellung will Konflikte in Betrieben und Organisationen anschaulich machen 

Die Geschäftsbeziehungen zwischen zwei Partnern sind ins Stocken geraten und drohen zu versanden. Nun steht Werner Scharf (Name geändert), einer der beiden Partner, vor einer Gruppe von rund 15 Personen. Mit leisen, aber bestimmten Anweisungen wird Scharf von einer Beraterin angeleitet. Er sucht sich Stellvertreter für alle, die mit der problematischen Situation zu tun haben, und gruppiert sie im Raum. „Spüre Hände und Füße und folge der Bewegung, die deine Beine machen“, sagt mit gedämpfter Stimme die Beraterin. Eine junge Frau stellt die Firma dar. Auch sie wird positioniert. Zwischen den außen Sitzenden beobachtet der Klient das Folgende, denn jetzt beginnt die Beraterin mit ihrer Arbeit am aufgestellten Bild.

Mit der Methode der systemischen Aufstellungen, auch Organisationsaufstellungen genannt, lassen sich binnen kurzer Zeit vielfältige Erkenntnisse über Systeme wie Abteilungen, Geschäftsbeziehungen oder ganze Unternehmen gewinnen. Man kann ihre Dynamik und ihre Konfliktstrukturen untersuchen und angemessene Änderungsmöglichkeiten ermitteln. In der Familientherapie sind systemische Aufstellungen seit 20 Jahren bekannt. Im betrieblichen Kontext wird die Methode erst seit wenigen Jahren eingesetzt. Entwickelt wurde sie unter maßgeblichem Einfluss des Heidelberger Systemtherapeuten Gunthard Weber, vor allem aus der Arbeit des so genannten „Familien-Stellens“ von Bert Hellinger.

Organisationsaufstellungen sind um ein Vielfaches komplexer als Familienaufstellungen. „Hier können beispielsweise das berufliche System eines Teams und die persönlichen Systeme der einzelnen Mitarbeiter miteinander verwoben sein“, sagt Kristine Alex (geb. Erb). Die Inhaberin des Ausbildungs- und Beratungsinstituts Systeme in Aktion veranstaltet regelmäßig Aufstellungsabende zu Wirtschaftsthemen. „Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass man sich für die Zugehörigkeit zu einem Organisationssystem entscheidet. Das Familiensystem dagegen kann niemand verlassen. Häufig wählen Mitarbeiter in einem Unternehmen jedoch unbewusst den Platz , der ihnen von der Familie vertraut ist“, erklärt Erb.

Unsichtbare Firma
Schon das äußere Bild einer Aufstellung vermittelt aufschlussreiche Informationen über eine Systemdynamik. Die beiden Stellvertreter der Geschäftspartner beispielsweise können die „Firma“, um die es geht, gar nicht sehen. Sie steht schräg hinter ihnen. Die Mitarbeiter schauen aus dem Bild heraus und zeigen wenig Bezug zum Geschehen. Zunächst befragt die Beraterin nacheinander die Stellvertreter nach ihrer Körperwahrnehmung: „Wie geht es Ihnen hier?“

Und hier lässt sich ein Phänomen beobachten, das alle Neulinge immer wieder in Erstaunen versetzt. „Die Repräsentanten beschreiben über Körperempfindungen – wie etwa Kälte oder Kribbeln – realitätsnah die Konfliktdynamik des Systems, das sie repräsentieren“, sagt Erb. Die Firma spürt „den Boden wanken“, der Repräsentant des Aufstellenden blickt auf die Stelle zwischen sich und dem Stellvertreter des Geschäftspartners und fühlt einen „Kloß im Hals“. Seine spontane Äußerung: „Da geht es noch um was anderes, das ist was ganz Altes.“ Zum Vorschein kommt eine ungeklärte Beziehungsgeschichte beider Partner zu einer Frau. „Erstaunlicherweise geben Aufstellungen auch Hinweise auf relevante Ereignisse oder unerledigte Konflikte aus der Vergangenheit der Systeme, so als hätten Systemfelder ein Gedächtnis“, meint Gunthard Weber.

In der Literatur findet die Bewältigung nicht selten in einer Katastrophe ihren finalen Ausdruck. Die Regisseurin und Professorin Doris Dörrie lässt ihre Studenten an der Münchner Filmhochschule daher gemeinsam mit Kristine Alex (geb. Erb) Drehbücher aufstellen, um zu erfahren, wie man möglichst viel Spannung in Beziehungen aufbaut. „Ich habe mich nach der Aufstellung von meiner Hauptfigur verabschiedet“, berichtet eine Filmemacherin.

Für eine Lösung im wirklichen Leben muss manchmal zusätzlich ein ausgeblendetes Thema dargestellt werden. Oft geht es dann um die Würdigung von vergessenen oder verdrängten Gefühlen durch kleine Gesten: Die Blickrichtung wird gewechselt. Sätze werden durch mehrfache Wiederholung ritualisiert. „Ich sehe dich jetzt“, sagt schließlich der Repräsentant von Scharf zu der hinzugestellten Frau. Hier wird deutlich, dass die Organisationsaufstellerin während dieses Wandlungsprozesses eine ständige Gratwanderung zwischen Steuern und Loslassen durchläuft. Gelegentlich schlägt sie eine Veränderung oder einen Satz vor, meistens fragt sie nach Wahrnehmungen und spontanen Bedürfnissen. Wenn alle am Ende an dem für sie „richtigen“ Platz Erleichterung ausdrücken und Kraft gewinnen, entsteht eine spürbare Lösungsatmosphäre.

Die Systemaufstellungen werden als relativ junge Methode häufig in Frage gestellt, da sich wesentliche Phänomene noch nicht schlüssig erklären lassen. Wie wird zum Beispiel einem Repräsentanten das „Systemwissen“ übermittelt? Dass dies eine Wiederbelebung archaischer Fähigkeiten darstellt, wie der Münchner Aufstellungstheoretiker Matthias Varga von Kibéd meint, könnte Manager eher abschrecken. Überzeugend sind eher Erfolgsmeldungen nach der Aufstellung: Die Immobilienmaklerin findet einen Käufer für das schwierige Objekt, oder der Anwalt löst seinen Fall mit Hilfe eines zuvor übersehenen Zeugen.

„Über das, was wirkt, entscheidet letztendlich der Kunde durch sein vertieftes Verständnis und verändertes Verhalten“, meint dazu Organisationsberaterin Irene Baumgartner vom Management-Center Vorarlberg. „Denn wenn Menschen Situationen für real halten, sind sie real.“ Lösungsbilder sind Metaphern. „Sie sind kein Allheilmittel, sondern nur – systemisch gesehen – eine veränderte Perspektive“, erklärt Psychotherapeutin und Führungskräftetrainerin Monika Lederer. In ihrem Aufstellungsworkshop für das Team Rosenkranz können Interessierte erste Erfahrungen sammeln.

Energiefelder wahrnehmen
Zur Verbreitung von negativen Vorurteilen trägt offenbar bei, dass auch ungeübte Berater mit der Methode arbeiten. Daher gibt die Gesellschaft für systemische Lösungen in Heidelberg eine Liste mit anerkannten Aufstellern heraus. Nach Auffassung von Gunthard Weber sollte ein Organisationsaufsteller eine systemorientierte Beraterausbildung vorweisen können und an einer Reihe von Aufstellungsseminaren teilgenommen haben. Nur über vielfältige Erfahrungen als Repräsentant, als Aufstellender und Beobachter entwickle man die nötige Fähigkeit Energiefelder wahrzunehmen.

Sibylle Nagler-Springmann