Der Wind lässt viele Drachen steigen
30.08.2001
aus: Der Wind lässt viele Drachen steigen. Carl-Auer-Systeme-Verlag 2001
Juristische Aufstellungen
Beim Einsatz der Aufstellungsarbeit in neuen Kontexten hat sich ein spannender Bereich herauskristallisiert: das Erarbeiten von möglichen Lösungsansätzen in Konfliktsituationen.
Da juristische Auseinandersetzungen natürlich im Normalfall auf einem Konflikt basieren, bieten sich systemische Aufstellungen als lösungsunterstützendes Werkzeug an. Im Gegensatz zu Aufstellungen von persönlichen Differenzen zwischen zwei Personen spielen im juristischen Kontext im Lösungsfindungsprozess noch viele andere Systemebenen eine Rolle: Rechtsanwälte, Kläger, Verteidiger, Zeugen, Gesetze, Richter etc.
Welche besonderen Erkenntnisse bietet Aufstellungsarbeit in Konfliktsituationen?
Immer wieder zeigt sich in Aufstellungen, wie ein System auf den Ausgleich von Geben und Nehmen achtet und ein Ungleichgewicht noch Generationen später spürbar wird. Selbst Nachkommen bemühen sich um einen Ausgleich. Die Berücksichtigung dieser Dimension kann zur Beurteilung und Klärung von Konfliktsituationen entscheidend beitragen. Zudem steigt dabei die Wahrscheinlichkeit, dass eine Lösung gefunden wird,die von allen Parteien (langfristig) akzeptiert wird.
Für welche Konfliktsituationen bieten Aufstellungen Lösungsansätze?
Aufstellungsarbeit eignet sich natürlich insbesondere für familiäre Auseinandersetzungen, wie Scheidungen (z.B.„Wo ist das Kind am besten aufgehoben?“), Erbschaftsangelegenheiten oder Nachfolgeregelungen. Ebenso können Konflikte im beruflichen und zivilrechtlichen Bereich bearbeitet werden. Aufstellen kann grundsätzlich jeder der Beteiligten einer Konfliktsituation. Natürlich kann sowohl vor der Einbeziehung eines Juristen zur möglichen Vermeidung einer gerichtlichen Verhandlung als auch während des Ablaufs eines juristischen Prozesses aufgestellt werden. Für Rechtsanwälte und Richter bietet das Erleben systemischer Aufstellungen die Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und systemische Zusammenhänge kennen zu lernen.
Was ist zu beachten?
Gerade bei juristischen Aufstellungen kann es vorkommen, dass Aufstellungsleiter in eine Zwickmühle geraten, und zwar dann, wenn das Anliegen des Klienten sehr manipulativer Natur ist. Ob dann aufgestellt wird oder nicht, muss situationsbezogen entschieden werden. Ethische Gesichtspunkte sollten hier mitberücksichtigt werden.
Welche Aufstellungsmethoden eignen sich?
Zum einen kann man natürlich ganz konkret wie im klassischen Organisations- und Familien-Stellen die beteiligten Personen aufstellen. Zusätzlich können abstrakte Elemente, wie beispielsweise die Schuld, das Recht, das Unrecht, Ziele, Hindernisse, Entscheidungsalternativen, das Gute oder das Böse,eingeführt werden. Sehr gut eignen sich auch Strukturaufstellungsformen und von diesen insbesondere die Tetralemmaaufstellung,von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd (2000)entwickelt,welche vor allem die Entscheidungsprozesse und ein konkretes Dilemma genauer beleuchtet.
Nachdem das erste Bild aufgestellt worden ist, können Aufstellungsleiter den Repräsentanten entweder neue Plätze und Raumkonstellationen anbieten – oder sie lassen die aufgestellten Stellvertreter sich einen neuen Platz entsprechend ihrem eigenen Empfinden suchen. Die zweite Variante bietet viel Erkenntnis für den beobachtenden Klienten über mögliche zukünftige Abläufe. Eine Tendenz wird simuliert. Daraus können sich ebenso Lösungsansätze entwickeln wie bei der ersten Variante, in der der Leiter einen neuen Platz im Raum vorschlägt.
Ein Beispiel:
Gehe ich juristisch vor oder nicht?Ein Erfinder,Herr K, der sein Produkt, eine Marke, patentrechtlich hat schützen lassen, war seit mehreren Jahren in eine Auseinandersetzung verwickelt. Ein Großkonzern, der ähnliche Waren vertreibt, hatte ihm unterstellt, er hätte die Marke aus dessen Bestand kopiert. Herr K wunderte sich, warum der Vorgang seit Jahren beim Patentamt schlummerte und sich nichts tat. Er wollte wissen, warum es nicht voranging und ob er etwas tun könnte, um den Vorgang zu beschleunigen.
Was wurde aufgestellt?
Folgende Positionen wurden aufgestellt: Fokus (Klient,Herr K), Das Patentamt, Der Großkonzern. Die neue Marke von Herrn K, Die angeblich vergleichbare alte Marke vom Großkonzern.
Was zeigte die Aufstellung?
Das erste Bild
Folgendermaßen zeigte sich das erste Bild: In der ersten Befragung zeigte sich ganz klar, dass der Großkonzern sehr daran interessiert war, sich die neue Marke einzuverleiben. Er war sehr aggressiv, sich seiner Macht bewusst und sagte: „Die putze ich weg. Ich setze alles dran,dass wir die neue Marke kriegen!“
Das zweite Bild
Alle Beteiligten wurden von der Aufstellungsleiterin aufgefordert, sich ihren Impulsen gemäß zu bewegen. Es gab kaum Tendenzen, sich zu verändern – nur das Patentamt stellte sich vor den Großkonzern. Dies wurde vom Klienten zuerst so empfunden, als ob das Patentamt sich gegen ihn stellen würde. Das Patentamt äußerte jedoch zum Fokus: „Ich möchte dich schützen. Du hast keine Chance gegen ihn “ und zeigte dabei auf den Großkonzern. Die neue Marke war sehr interessiert am Kontakt zur alten Marke. Diese wiederum zeigte sich eher arrogant und tat, als ob sie mit der neuen Marke nichts zu tun haben wollte.
Das Lösungsbild
Im Verlauf des Prozesses und nach einigem Abwarten ergab sich plötzlich, dass der Großkonzern den Bezug zu seiner eigenen Marke und diese an Bedeutung verlor. Als das deutlich wurde, sagte das Patentamt: „Jetzt kann ich mich zurückziehen.“ Zum Fokus sagte es: „Jetzt kann es losgehen.“ Allein die Stellung der Repräsentanten im Raum sagt noch nichts über das gegenseitige Verhältnis aus.Die Stellvertreter müssen befragt werden. Im obigen Fall hatte sich die Stellung „Zwei Personen stehen sich gegenüber “ nur im engeren Sinne als eine Art Konfrontation, im weiteren Sinne, unter Berücksichtigung der Zeitachse, aber als Schutz und Wohlwollen der gegenüberstehenden Person herausgestellt.
Das Ergebnis für den Klienten
Der Klient äußerte bei späterer Befragung: „Durch die Aufstellung habe ich erkannt, dass ich erst mal Zeit habe und es gut so ist, wie es ist.“ Der Druck, etwas tun zu müssen, war weg. Er schätzte die Lage völlig neu ein. Im obigen Fall scheint das Abwarten und die Zeit eine wichtige Rolle zu spielen.Der Klient erkannte, dass er erst eine Chance am Markt haben würde, wenn die Bedeutung und die Wichtigkeit der alten Marke beim Konkurrenten zurückgehen würden.
Literatur
Erb,Kristine (2001):
Die Ordnungen des Erfolgs. Einführung in die Organisationsaufstellung. München (Kösel). Varga von Kibéd,M.u.I.Sparrer (2000): Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen – Für Querdenker und solche, die es werden wollen. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme), 2.Aufl.